Mittwoch, 23. Mai 2007

Trotz alledem!

Hach, und nun muss ich mir auch noch mal meinen Ärger von der Seele schreiben!

Gestern war Krabbelgruppe. Ich war da bislang immer sehr gerne und habe auch die "Leiterin" bis gestern für sehr kompetent gehalten. Eine andere Krabblermutter sprach nun gestern eines meiner absoluten Lieblingsthemen an ... Sie muss im August wieder arbeiten (Gymnasiallehrerin) und hätte gern ihre Nächte bis dahin etwas erholsamer (wer nicht?) und will ihrem sieben- oder achtmonatigen Sohn nun Schlafen beibringen. Sie hätte da dieses Buch gekauft ("Jedes Kind kann schlafen lernen"). Aber sie hätte nun dieses Problem, dass sie es nicht schaffe, den kleinen Kerl länger als fünf Minuten schreien zu lassen. Ich ignorierte die purpurroten Flecke, die langsam hinter meinen Augen aufstiegen, weil ich allmählich so allergisch auf dieses Thema reagiere. Ich bin wirklich ganz ruhig geblieben und hab ihr erklärt, dass dieses Konzept nicht für Kinder im Alter ihres Sohnes geeignet seien, dass der Autor selbst sich inzwischen von diesem Konzept distanziere, dass dieses Konzept nicht als Lernmethode für Hinz und Kunz sei, sondern eher für Eltern und Kinder in Extremsituationen. Pipapo. Ich habe ihr auch erklärt, dass es für kleine Babies einfach gesünder sei, wenn sie nachts nicht im stundenlangen Tiefschlaf versinken, sondern immer wieder aufwachen und nur leicht schlafen, auch wenn das natürlich für Eltern anstrengender sei.

Dann kriegte ich zu hören, dass ich das nicht verstehen könnte, sie würde ja bald _arbeiten_, da würde sie von ihrem Sohn erwarten, dass er von 19.00 bis 7.00 schliefe. Wenn man _nur Hausfrau_ sei, dann sei das ja etwas ganz anderes. Mit meiner trockenen Antwort, dass ich schon arbeite, seit der Wutz acht Wochen alt ist, konnte sie nicht so viel anfangen. Darum verstieg sie sich dann in das Argument, das Buch sei immerhin ein Bestseller, dann müsste es ja gut sein und das Konzept richtig sein. Ich habe ihr nicht gesagt, dass "Mein Kampf" von einem gewissen Herrn aus Österreich auch ein Bestseller sei. Ich habe ihr versucht zu erklären, dass das wohl daran liege, dass das gewünschte Ergebnis des Buches/Konzeptes, ein durchschlafendes Kind, natürlich etwas sei, was den Eltern zugute käme. Und die kaufen ja das Buch. Den Kindern kommt es wohl nicht so sehr zugute, aber das sind ja auch nicht diejenigen mit der Kaufkraft.

Ich hab ihr dann im gleichen Atemzug noch meine kleine Schlafbibel von William Sears empfohlen. Fast schon hatte ich sie überzeugt, als die Krabbelgruppenleiterin plötzlich in die Situation eingriff. Ja, sie habe dieses Buch auch bei ihren beiden Kindern im Babyalter angewendet. Ja, es sei für sie auch schrecklich gewesen, die kleinen Kinder schreien zu lassen. Aber sie habe dann von der Kinderärztin einen hilfreichen Tipp bekommen. Man müsse das ganz anders sehen. Das sei ja kein Schreienlassen (das klingt ja so negativ). Man bringe mit dieser Methode ja den Kindern bei, selbständig einzuschlafen (das klingt so positiv). Und schon habe man ein ganz tolles Gefühl, wenn die Kinder in ihren Zimmern liegen und schreien. Weil das ist ja gut für die. Sie wissen das bloß noch nicht.

*KOTZ*

Trotz alledem. Trotz der letzten schlaflosen Nacht, die sicherlich nicht die letzte schlaflose Nacht bleiben wird. Ich ferber nicht, ich ferber nicht, ich ferber nicht.

Ich ferber nicht! Punkt :-)

Kommentare:

Schlumpfine hat gesagt…

Langsam aber sicher entwickele ich auch eine Extrem-Allergie, wenn ich"Jedes Kind kann schlafen lerne höre", zumindest aber kommt mir das Kotzen.Privat als auch beruflich habe ich sehr viele guten Gründe, die du ja hier zum Teil schon aufgeführt hast,warum ich dieses Buch ablehne. Erstaunlich dass das Buch, dessen Theorie nun nicht gerade die aktuellste und jüngste ist, sich so hält. Die Tochter von Frau Annette Kast-Zahn , an der das Konzept probiert wurde, ist nun mittlerweile erwachsen.Wahrscheinlich liegt es an der geschickten Aufmachung; wenn es nicht klappt, waren die Eltern eben nicht überzeugt genug. Logisch klar. Dann gibt es sehr viele Widersprüche in dem Buch: Kinder schlafen nicht bzw. können es prinzipiell nicht lernen, weil sie an so "schlechte" Einschlafgewohnheiten , wie in Arm liegen, stillen o.ä gewöhnt sind, dann widerum schreiben sie, dass dies alles ok sei, wenn es für die Familie ok ist: Was denn nun? Ferber selbst betont dies alles ab einem Jahr anzuwenden; Morgenroth und Kast-Zahn haben aber nun, entgegen der Ergebnisse der neuen Schlafforschung zum Thema Babyschlaf, beschlossen dass Babies mit einem halben Jahr durchschlafen können. Und wenn es tatsächlich so wäre, das Kinder nur von jeglicher Zuwendung oder Ersatz wie Schnuller, Flasche o.ä entwöhnt schlafen lernen könnten, hätten wir, wie Gonzales in seinem Buch in Liebe wachsen so schön schreibt, eine weltweite sehr ernsthafte Epedimie zu beklagen.Die aktuelle Forschung (wirklich aktuell; nicht so alt und abgedroschen wie dieses verfluchte Werk)beschäftigt sich dagegen zunehmend mehr mit der Bedeutung von Bindung , die vor allem durch die konstante liebevolle elterliche Zuwendung erreicht wird, und in der Schreien lassen, auch "kontrolliert", keinen Platz findet. Ich verurteile jedoch keine Eltern , die Jedes Kind kann schlafen lernen anwenden, da sie mit ihren Kräften am Ende sind, nur dafür!also bevor Eltern ihre Kinder mißhandeln; als absolute Notlösung mit entsprechender professioneller Begleitung war es von Ferber selbst gedacht.Mir schwillt nur echt der Kragen mit welcher Leichtfertigkeit so damit umgegangen wird (ohne an durchaus mögliche Schäden oder Nebenwirkungen zu denken)und das eine Krabbelgruppenleiterin als Vorbild so daher quatscht.Sorry Rosa, dass ich hier solang kommentiere, aber langsam aber sicher wird das mein Reizthema. Liebn Gruß Schlumpfine, Mama einer 6 monatigen Tochter, die auch noch lange nicht ans Durchschlafen denkt. Ein interessanter Artikel zum Thema Schlafen ist auch dies:
http://www.rabeneltern.org/schlafen/wissen/schlafen-paky-diekunstseinkind.shtml

Rosa hat gesagt…

Siehst Du, nun rennen wir beide mit geschwollenen Krägen durch die Gegend!

Übrigens schläft der Wutz schon seit 21:30 mindestens durch :-)

Yvonne hat gesagt…

Ich habe gerade ein paar Rezensionen bei Amazon gelesen. Bisher habe ich immer nur so von dem Buch gehört. Mir ist schlecht, mir kommt gleich mein Essen wieder hoch. Wieviel bekloppte Eltern hat das Land eigentlich? Die sollte man alle entmündigen!

Schöner Spruch mit dem Österreicher übrigens und so passend!

Susi Sonnenschein hat gesagt…

Ich schließe mich an, ein absolutes Reizthema. Ich kriege schon die Krätze, wenn ich den Titel höre. Für mich fällt das "kontrollierte Schreienlassen" oder auch meinetwegen "Schlafenlernenlassen mit Lautgebung" schlicht und ergreifend unter das Stichwort "seelische Grausamkeit". Mein Kind ist schließlich kein Äffchen, das dressiert werden muß. Und zum Punkt: "es ist ein Bestseller" - dann ist diese Frau ja wohl auch jemand, der von der Brücke springen würde, weil es jeder macht. Fruchtzwerge und Zigaretten sind übrigens auch Bestseller - das ist so ziemlich das dämlichste Argument. Irgendwie kommt es mir auch immer so vor, als ob die Leute, die sich dieses Buch zu Gemüte führen, ihr Gehirn ausschalten und nicht wirklich darüber nachdenken, was sie ihrem Kind antun. Nur weil eine Kast-Zahn der Meinung ist, daß sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, wird der natürliche Instinkt, der dazu rät, nicht schreien zu lassen, ja das Schreien als unerträglich zu empfinden, brutal unterdrückt. Solche Methoden sollten wirklich nicht leichtfertig von Hinz und Kunz als Sofortmaßnahme zur Rettung ihres eigenen Nachtschlafes angewendet werden. Wie Schlumpfine schon sagte: bevor die Eltern das Kind umbringen als allerletzte Notlösung. Kontrolliert. Aber auch die anderen Bücher besagter Dame erinnern ja eher an Tierdressur als Kindererziehung. Schnell, leicht, mühelos - genau das Richtige für überforderte Mütter, die auf schnelle Lösungen aus sind - ohne sich die Mühe zu machen, die Ursache für Probleme zu finden, die vermutlich gar nciht wirklich existieren. Ups, das klingt hart, oder? Und so lang. und wirr. Aber eben ein Reizthema...

Mini's Ma hat gesagt…

Schlumpfine, der Link geht nicht. :(

Großstadtpflanze hat gesagt…

Hier zwei Linktipps von mir:

http://www.ferbern.de/
Eine relativ neue Seite zum Thema Ferbern.

http://www.rabeneltern.org/expblog/details.php?id=133
Die Rezension von "Jedes Kind kann..." auf Rabeneltern.org.

Wie schön, hier im Blog auf Mütter zu treffen, die zu den Themen Schlafen, Familienbett, Stillen und Tragen eine gesunde Einstellung haben :-)

Die Kinder, die eine solche liebe- und respektvolle Behandlung nicht erfahren dürfen, tuen mir unendlich leid :-(

Ich als Baby ja leider auch nicht...

Nachdenkliche Grüße von E.

Rosa hat gesagt…

Ich freu mich, aass ich hier so detailliert neue gute Argumente bekomme. Kann ich ja in der nächsten Krabbelgruppe mit einbringen.

Was mich wunderte, die Dame in der Krabbelgruppe ist ja selber Pädagogin. In meinem Studium damals hab ich aber schon mitbekommen, was solche Schwarze Pädagogik anrichten kann. Lernt man das heutzutage an der Uni nicht mehr?

Und eigentlich ist es doch herzbrechend, sein Kind schreien zu lassen, wie kann man das schaffen?

Naja :-(