Donnerstag, 5. Juli 2007

Für blöde Tage gibt es keine schönen Überschriften

Mir fällt für diesen Tag einfach keine schöne Überschrift ein. Er war blöd.

OK, Schlaf gut (wenn man von Zwei-Stunden-Schlaf-am-Stück-Blöcken so reden kann), Beikost in Ordnung (drittel Glas, kaum gejammert).

Aber dann wollten wir ja los. Heute ist Donnerstag. Donnerstags arbeite ich im Büro. Das heißt ja, dass ich mit dem Kerlchen anreise, so gegen 16.00 Uhr im Büro bin, seine erste Verzückensstarre, an einem anderen Ort Unheil stiften zu dürfen, nutze und ein wenig arbeite, dann ein wenig stille, dann das Kerlchen dem Vater übergebe, der früher von seiner Arbeit losfuhr und sich durch Hamburgs Straßen zu seinem Sohn kämpfte. Dann sieht die Routine vor, dass ich noch bis 18.00 Uhr arbeite. Dann Schicht. Gut ist. Klappt oft genug prima und ist der Tag der Woche, an dem mich arbeiten am wenigsten anstrengt, weil ich auch mal richtig arbeiten darf, nicht immer so in Fünfminutenhäppchen.

Nicht so heute. Heute war dann ja auch noch bei der Arbeit der Große Tag der Großen Präsentation der Wunderbaren Neuen KiTa. Das sollte um 14.00 anfangen. Vorgestellt werden sollte unser neuer Betriebskindergarten, in dem die Kinder von uns Angestellten (drei Arbeitgeber-"Firmen", davon eine Hochschule) Platz finden sollen. Hochmodern, hochpädagogisch, hochanspruchsvoll, sehnsüchtig erwartet oder so.

14.00 Uhr. Bedeutet, wir mussten um 13.00 Uhr aufbrechen. Also hab ich die Beikost ein wenig vorgezogen. Mein Kindlein war den ganzen Vormittag total gut drauf und hat schon die Wohnung inspiziert. Dies zog ein nachbeikostliches Koma nach sich, welches exakt um 12.40 begann. Wir erinnern uns, Aufbruch sollte um 13.00 sein. Ich hab mich heute sogar flott gemacht, ganz in schwarz, ein bisschen figurbetont, da hatten mich die Melonenkommentare von Susi und Schlumpfine ermutigt, man könne doch mit dem stillfreudigen Oberbau auch mal und überhaupt.

- Pause - Kindlein schreit.
- kann weiter gehen - Kindlein schreit nicht mehr.

Also, wo waren wir stehen geblieben? Der Oberbau. Ich hab also ein enge schwarze Hose angezogen und ein enges schwarzes (Still-)Shirt. Nun ist es so, dass das Wort Melone das Desaster bei mir nicht richtig beschreibt. Bei mir kann man eher sagen, da hat der Milchmann fünfmal geklingelt oder so. Ich fühlte mich in den Klamotten wie eine schwarze Presswurst. Also hab ich noch ein rosanes Kapuzenjäckchen übergezogen.

Dann flugs den Kleinen aus dem Kürbiskoma geholt (*knörx*), Windeln eingepackt, Spielzeug eingepackt, Ersatzklamotten für Wutz eingepackt, los gings. Ich will gar nicht davon schreiben, dass er schon auf dem Weg zur S-Bahn Kürbis-Muttermilch-Mischung auf sein schickes Shirt gekotzt hat. Ist ja auch gar nicht schlimm, Mama hat ja Ersatz mit. Das hat uns die Laune gar nicht verdorben. Fröhlich vor uns hinmundpupsend gingen wir zur Bahn (ich muss jetzt beim Kinderwagenschieben auch immer mundpupsen, so halte ich das Kerlchen bei strahlender kichernder Laune). Es war auch richtig schön in der Bahn. Der Kleine war ganz erfreut über all die netten Leute, über den schönen Ausblick usw und hopste fröhlich auf und ab.

Ich werde das nächste Mal, wenn ich mich zu so einem Termin schick anziehe, meine Klamotten farblich auf das abstimmen, was mein Sohn vorher gegessen hat. Orange-weiße Kürbis-Muttermilchkotze mag ja optisch einiges für sich haben und nicht so fade aussehen wie reine Muttermilchkotze. Aber sie passt ganz entschieden nicht zu einem rosanen Kapuzenjäckchen.

- Pause Kindlein schreit -
- kann weiter gehen, Kindlein schreit nicht mehr -

Aber das war ja kein Problem, das Jäckchen konnte ich ja ausziehen, war sowieso ein bisschen warm. Ich durfte allerdings feststellen, dass Kürbis-Muttermilchkotze sich zwar mit einer schwarzen engen Hose und einem schwarzen engen (Still-)Shirt farblich nicht beißt, diese Klamotten aber auch nicht unbedingt wirklich besser dadurch aussehen. Und diese Klamotten musste ich nun leider anbehalten. Der zweite Schwall in der S-Bahn ergoss sich auf meine schwarzen Klamotten. Zielgerichtet. Da bin ich sowas von sicher und so.

An normalen Tagen wäre es ein großes Pech, wenn ich mich schick gemacht hätte und auf dem Weg von der Bahn zur Arbeit nass regnen würde. Heute war es großes Pech, dass es nicht regnete.

Ich hatte vor der Veranstaltung noch zehn Minuten Zeit, in denen ich versuchte, notdürftig meine Klamotten zu reinigen. Diese zehn Minuten reichten nicht.

So kam es, dass ich ein wenig zu spät in figurbetontem schwarzen Dress (ich sage nur "Milchmann") mit vorderseitigen Kotzflecken kam (ich hätte mir genausogut eine Brosche an die Melonen heften können "Seht her, Riesenmelonen"). Dazu duftete ich nach Babykotze. Schwarze stinkende Presswurst. Toll.

Die Veranstaltung fand in einem neuen modernen Hörsaal mit sehr guter Akustik statt. Der ist extra so gebaut, dass man kaum ein Mikro braucht, jeder wird überall verstanden. Wirklich.

Sehr hübsch fand ich, dass die Sitze so gebaut sind, dass man selbst wenn man diese doofen Vorlesungsklapptischlein (wisst Ihr, was ich meine?) nicht nutzt, das Kind nur unter eingequetschten Bedingungen auf dem Schoße halten kann.

Aber nicht so schlimm. Mein Kind hatte gute Laune, immerhin hatte es ja auch schon dreimal gekotzt. Und dann soviele neue Menschen. Super. Mein Kind hub also an zu erzählen, sobald Ruhe für den ersten Redner eingekehrt war. Mein Kind juchzte, als die erste Pädagogin sich vorstellte. Mein Kind johlte, als der Architekt ein paar Worte sagte. Mein Kind pupste in den Pausen. Wir wissen jetzt alle, dass dieser Hörsaal eine ausgezeichnete Akustik hat, das hat der Architekt auch voller Stolz noch einmal bemerkt.

Ich darf noch erwähnen, dass meine Kolleginnen rechts und links neben mir ein wenig gelitten haben, ich stank nach Kotze, das Kind blähte. Ich darf mich an dieser Stelle bei Kollegin U. entschuldigen, dass ihr Stift jetzt durch kindbedingte Feuchtigkeit ruiniert ist (sie trug es stiftlos mit Fassung). Ich werde auch Kollegin K. demnächst einen neuen Schreibblock spendieren, der ebenfalls ruiniert ist.

Immerhin haben wir soviel mitbekommen von der ganzen Rednerei, dass wir jetzt wissen, dass wir uns diesen - wirklich lieb gemeinten - Kindergarten gar nicht leisten können. Wenn ich soviel arbeite, wie ich arbeiten muss, damit ich stundenmäßig einen Anspruch auf einen Platz fürs Kerlchen habe, dann müssen wir für diesen Platz um die 400 Euro bezahlen. OK.

Ich war dennoch immer noch gar nicht so wirklich schlecht gelaunt. Nun wollte ich mit dem Wutz in mein Büro und an meine Arbeit, der A sollte ihn ja bald abholen, schlimmer konnte es doch gar nicht kommen, ich hoffte auf ein baldiges Einschlafen des kleinen Störenfrieds.

Weit gefehlt. Im Büro wartete viel Arbeit auf mich, der Wutz musste allerdings zweimal mit allen Kräften sein Rohrsystem reinigen, Akten aus den Regalen reißen (hat man Anspruch auf ein krabbelkindgesichertes Büro? ich glaube nicht), heulen, Aufmerksamkeit haben wollen, mich nerven. Das volle Programm. Ich liebe mein Kind, aber ich bin doch auch nur ein armes Menschlein. Voller Hoffnung schickte ich dem Kindleinsväterchen eine liebe SMS, die meine ganze Vorfreude auf sein baldiges Erscheinen in meinem Büro zum Ausdruck bringen sollte. Fehlanzeige. Stau. Vater kam um 17.30 ungefähr, bis dahin hab ich nicht ein Stück arbeiten können, und dienstliche Telefonate fielen auch kurz aus, weil keiner den anderen verstand.

Ich hätte jetzt eigentlich dann von 17.30 bis 19.30 arbeiten müssen, weil ich sonst wohl doch Ärger bekomme, gar nichts geschafft zu haben.

Ich habe geschwänzt und werde so noch mehr Ärger bekommen :-(

Und irgendwie ist jetzt Schluss mit Lustig. Natürlich kann ich dem A den Stau nicht anlasten. Natürlich kann der arme Wutz nichts dafür, wenn er meine Aufmerksamkeit braucht und mich braucht. Natürlich erwartet mein Arbeitgeber, wenn er mir schon Gehalt zahlt, dass ich dafür auch ein wenig Arbeit verrichte. Aber WO BLEIBE ICH??? Ich bin nicht eine literarische Figur im Siebten Harry-Potter-Band, ich kann nicht zaubern. Ich habe nur ein endliches erschöpfbares und auch erschöpftes Kraftreservoir. Überall wird etwas von mir erwartet, alle Seiten zerren an mir. So kommt es mir manchmal vor.

Ich war ziemlich garstig zu meinem armen A. Das tut mir leid. Aber ich bin so richtig am Ende im Moment (Selbstmitleidmodus ist grade an...). Das mit dem Betriebskindergarten hat sich nun dann ja wohl so richtig sowas von zerschlagen. Und wie soll es jetzt weitergehen? Der A hat leicht reden, so kommt es mir manchmal vor (und ich weiß auch, dass es doch auch ungerecht ist), der fährt morgens zur Arbeit und darf diese auch verrichten, und dafür bekommt er Geld. Und abends kommt er nach Hause, und wenn er mir dann hilft, ist das heldenhaft und gar nicht selbstverständlich, weil es eben _zusätzlich_ ist. Meine Arbeit geht rund um die Uhr. Von null bis vierundzwanzig. In diesen vierundzwanzig Stunden muss ich überall _gerecht werden_. Ich muss den Wutz vermuttern, ich muss meine zwei Stunden Arbeit unterbringen, ich muss auch ein wenig im Haushalt schaffen, auch wenn da Frau Schmidt ist und der A ja den Löwenanteil macht, ich muss dies und das. Und abends muss ich das Kind ins Bett bringen, das dann den weiteren Teil des Abends, den wir "Feierabend" nennen und den der A in Ruhe und ungestört vor seinem Rechner verbringen darf, also, das dann den weiteren Teil des Abends im Zwanzigminutentakt wieder aufwacht und noch mal ins Bett gebracht werden möchte. So verbringe ich also einen gestückelten Feierabend, immer mal zwanzig Minuten hier oder da, kann eigentlich nicht mal in Ruhe baden, weil ja der nächste Aufwacher droht, bis es dann Schlafenszeit ist. Dann verändert sich der Takt in guten Nächten auf zwei Stunden, in schlechten auf 45-60 Minuten.

Rund um die Uhr.

Ich bin urlaubsreif und habe fertig. Fertig gejammert für heute.

Sorry, lieber A, ich bin ungerecht, aber ich musste es mal ganz genauso schreiben. Hab Dich trotzdem sehr lieb!

Kommentare:

Lia hat gesagt…

Du hast, wie Susan oder ich wohl auch grade den "neun Monate Baby Da" Blues. Fühl auch Du Dich feste gedrückt.

Und unsere Männer sehen gar nicht, was wir alles leisten müssen, und können das daher gar nicht nachvollziehen. Aber irgendwann.. dann werfen wir sie und die Kinder am Wochenende aus dem Haus und schicken sie anstrengende Ausflüge machen und legen einfach mal die Beine hoch. Das dauert zwar noch nen Moment, ist aber doch was zum drauf freuen, oder?

Katharina hat gesagt…

ohje.. klingt richtig fieß... einfach aus dem kalender streichen, den tag... fühl dich gedrückt!

Anne hat gesagt…

Durch das erste Drittel Deines Textes hab ich wohlig amüsiert gelesen, auch mal einen Jauchzer ausgestoßen weils sooo lustig ist, wie Du die Dinge beim Schlawittchen packst und in Worte faßt. Dann kam beim Weiterlesen auf einmal dieses blöde Gefühl auf, das ich auch so gut kenne: Der Tag läuft nicht wie geplant, es hätte alles so schön und entspannt sein können und man darf dem Zwerg nicht böse sein, weil er sich verhält wie ein Zwerg, weil er ist ja ein Zwerg! Dann ärgert man sich über sich selber, dass man eine absolut unentspannte Zwergenmutter ist, die sich durch Kinkerlitzchen wie bekotzte Kleidung aus der Ruhe bringen läßt ...und schon nimmt das Schicksal seinen Lauf und alles ist irgenwie nur noch strubbelig. Beim Lesen des restlichen Textes wurde ich dann leicht melancholisch und ein klein wenig wütend auf genau solche tollen Kinderbetreuungsangebote mit den großen Stolpersteinen davor. Du bist für mich trotzdem eine Heldin, da Du das alles trotz der Hindernisse machst und Dich durchkämpfst. Ich dagegen sitzt hier nur zu Hause, gräme mich meines zerrupften Tagesablaufes und wünschte sehnlichst wieder ein wenig arbeiten zu können, komme aber trotz Herzenswunsch nicht in Schwung.
Das Tolle ist, dass nach so widerlichen Tagen es bald darauf auch wieder fluppt. Komisch, ich muß bei solchen Sachen immer an diese Räuber-Beute-Kurven aus dem Biologieunterricht der 10ten Klasse denken: ein ständiges Auf und Ab, gekoppelt an das Schicksal anderer.

Ich wünsch Dir morgen einen total unstrubbeligen Tag, frohes Schaffen und gute Laune mit dem Wutz! :-) (Oh je, jetzt hab ich doch so viel getextet!? Und ich wollte dich doch nur kurz aufmuntern...:-))

claudia hirschmann hat gesagt…

darf ich das unterschreiben? also den unteren teil mein ich... ich schliess mich eurem baby-blues an!

Rosa hat gesagt…

@Lia, ich hab da auch Parallelen gesehen zu dem, was Susan neulich schrieb und auch zu Deinem Post neulich. Aber: Neun Monate? Der Wutz ist ja grad erst mal 7 1/2 Monate :-( Hab ich das jetzt noch lange? Auf die Ausflüge, während mein Süßer meinen kleinen Süßen betreut, freu ich mich aber auch schon :-) Ich glaube, ich werde Sushi essen gehen, stundenlang!

@Katharina, Du hast mich gestern schon mit diesem tollen Irlandbild aufgeheitert, auch wenn es gar nicht von Dir ist. Aber ich hab es einfach abends immer wieder angeschaut :-)

@Anne: Du hast das gut in Worte gefasst, was eigentlich gestern und auch beim Schreiben des Textes in mir vorging. Zuerst war es auch noch irgendwie witzig, und, wie Du sagst, man kann den Zwergen ja gar nicht böse sein. Und irgendwie wurde dann alles desolat.

Nachher schreib ich noch mal ein bisschen was über den neuen tollen Kindergarten. Vielleicht werden wir uns ja doch einen Platz leisten, das Konzept an sich ist nämlich toll.

Heldenhaft komm ich mir so gar nicht vor, aber es tut gut, wenn ich das lese :-) Ich glaub aber nicht, dass Du einen "Nur"-Tagesablauf hast, Deiner würde bestimmt auf mich ebenso heldenhaft wirken, nur Du siehst es eben nicht. Wir sind nämlich alle Heldinnen!

Ich freu mich immer riesig über Deine Kommentare :-))))

@Claudia: Ich kuck mich jetzt die Tage mal um auf Deinem Blog, bin schon ganz gespannt, einstweilen wünsch ich Dir den Babyblues weg. Und verlinkt hab ich Dich auch gleich mal, mit dem Blogspotlink. Das ist doch okay so, oder?